Samstag, 16. Juli 2016

Rezension | "Bobby" von Eddie Joyce

DVA | Hardcover | 416 Seiten | 13. Juni 2016 | 978-3421046512

"Sie werden daran vorbeifahren, und es wird nicht dort sein. Sie wird nicht hinschauen, damit sie nicht sieht, was nicht dort ist, aber dort sein sollte." // Seite 62

Fast zehn Jahre ist es her, dass Bobby Amendola als Feuerwehrmann beim Einsturz der Twin Towers sein Leben lassen musste, und noch immer sind die Wunden in seiner irisch-italienischen Familie nicht verheilt. Weder bei dem Vater, der selbst Feuerwehrmann war, noch bei der Mutter, die weiterhin jeden Morgen in das unveränderte Zimmer des toten Sohnes geht. Auch beim großen Bruder, einem erfolgreichen Firmenanwalt, bricht der wohlgeordnet-sorgenfreie Alltag gerade auseinander, während das Leben seines Bruders Franky noch nie anders als zerbrochen war. Und dann will Bobbys Witwe ausgerechnet am neunten Geburtstag von Bobby Junior einen neuen Mann mitbringen in das Familienhaus auf Staten Island ...
Dienstag. 11. September 2001. Ich war damals sieben Jahre alt, bin gerade in die dritte Klasse gekommen. Meine Oma hat mich von der Schule abgeholt, wir haben zusammen gegessen und während sie in der Küche abgespült hat, habe ich mir am Fernsehen die Nachrichten angesehen. Ich saß da und sah die Türme brennen, sah wie sie einstürzten. Und obwohl ich erst sieben Jahre alt war, habe ich verstanden, welche grausame Tat das war und dass dieser Anschlag das Leben von tausenden von Menschen verändern wird. Und auch wenn man fast immer nur an die schrecklichen Momente im World Trade Center, im Pentagon und in den entführten Flugzeugen denkt, an die Menschen, die dort verbrannt sind, an Rauchvergiftungen starben, von den Trümmern erschlagen wurden oder aus Verzweiflung heraus aus dem Fenster sprangen, vergisst man doch auch oft die Helden – Feuerwehrmänner, Sanitäter, Polizisten, jede Art von Einsatzkräften – die auch ihr Leben lassen mussten, denn unter den Opfern waren auch circa 400 Helfer.

Bobby handelt genau davon. Wie die irisch-italienische Familie Amendola nach neun Jahren Trauerzeit mit den Folgen des Todes des Sohnes, Ehemanns, Vaters, Bruders Bobby umgeht, wie sie ihr Leben gemanagt haben und mit der Trauer umgegangen sind. Und auch wenn das Werk kein wirklich trauriges Buch ist, nicht vor Traurigkeit, Verzweiflung und Leid strotzt, so legt sich trotzdem eine leichte Melancholie und Trostlosigkeit über jede Seite; man hat die schrecklichen Bilder vom 11. September eben einfach im Kopf.

Das Buch konnte mich durchgehend berühren, die kompletten 416 Seiten. Jedes Kapitel behandelt eine andere Sichtweisen, die Sicht der verschiedenen Familienmitglieder – der Brüder Peter und Franky, der Eltern Gail und Michael, der Ehefrau Tina – und ich habe jede einzelne Sichtweise verstanden. Trauer ist etwas sehr komplexes, jeder reagiert anders, jeder trauert anders und jeder fühlt sich anders. Das kam durch die verschiedenen Kapitel und die verschiedenen Personen so eindeutig und bewegend rüber.

Und auch wenn ich dieses Buch sehr bewegend fand – ein wenig mehr hatte ich trotzdem erwartet. Natürlich gibt es Stellen mit "Was hätte Bobby jetzt wohl getan" oder "Das hat Bobby immer gesagt" oder "Wenn Bobby jetzt hier wäre" und auch wenn die Trauer greifbar war und an der Oberfläche geschlummert hat, war sie mir zu abgeschlossen. Klar, nach fast zehn Jahren geht das Leben weiter, der Schmerz ist nicht mehr allgegenwärtig, man kann wieder lachen und sich freuen, ohne eine schlechtes Gewissen zu haben. Aber ich hätte gerne mehr über den Schicksalstag erfahren, mehr über Bobby, mehr darüber, als die Eltern die Todesnachricht erhalten haben, mehr über die Beerdigung und die ersten Tage, Wochen und Monate. Die erste Zeit wird kaum angesprochen. Rückblenden gibt es zwar, diese spielen allerdings entweder vor Bobbys Geburt oder als er noch zuhause lebte.

Eddie Joyce Schreibstil fand ich wirklich wundervoll. Ich habe sehr viele schöne Zitate gefunden, mehr als ich hier aufschreiben könnte. Er schreibt sehr emotional, sehr bewegend und einfühlsam, was perfekt zur Geschichte und den Charakteren gepasst hat. Auch das Cover finde ich sehr schön. Es harmoniert ideal mit Bobby, New York und Staten Island. 

Alles in allem ist Bobby ein wunderschönes, empfehlenswertes Buch mit einer schönen Botschaft, einem überzeugendem Schreibstil und wunderbar inszenierten Charakteren. Auch wenn es mich nicht hundert prozentig überzeugen konnte, ist es auf jeden Fall ein sehr gelungenes Werk, das man unbedingt mal lesen sollte.

"Der Wind kommt ihr recht. Sie muss den Kopf einziehen und den Blick senken und kann gar nicht erst versuchen nicht zu sehen, was nicht mehr da ist." // Seite 203

"Mit Abfallgeruch leben zu müssen kommt einem fast putzig vor. Viel besser, als im Schatten der Vergangenheit zu leben." // Seite 371 

"Sie kann ihn jetzt spüren: den Mann, der er gewesen wäre. Den Mann, der er nicht werden dufte." // Seite 392 


Verlagsseite


© Urheberrechtlich geschützt – Janina Kalsch, 2016
Besucht sie doch auf ihrer Instagram-Seite (@ninjaa.k). Sie hat dort wirklich wundervolle Fotos von New York.



Ein herzliches Dankeschön an die Verlagsgruppe Random House für das Rezensionsexemplar!
Habt ihr das Buch schon gelesen?
Oder steht es auf eurer Wunschliste?
Ich wünsche euch ein schönes Wochenende!

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Das Urheberrecht des Klappentextes unterliegt der Verlagsgruppe Random House.
Das Urheberrecht des Titelbilds unterliegt einzig und allein der Blogredaktion.

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